wolf götz jurjans

Was motiviert dich, politisch aktiv zu sein ?
Ich will dazu betragen, das langsame Hochfahren der Wiener Linken nach einem Jahrzehnte langen Lockdown zu beschleunigen. Die ganze Welt rumpelt nach der Corona-Krise in eine massive Wirtschafts- und Sozialkrise. Da kann und darf ich als Kommunist nicht zuschauen. Mit „Schau ma mal „ und wird schon nicht…“ hat man/frau die Situation nicht verstanden. Da tut Aufklärung Not. Die dringlichste Aufgabe seh ich aber darin, die Not, soweit es uns möglich ist, konkret zu wenden. Also zu Helfen. Vor Ort, ohne Soziale Distanz, konkret. Helfen, Handeln, Widerstand organisieren. Keine Panik verbreiten, sondern Mut machen. Entschlossen dagegenhalten.

Was ist eine Aktion oder ein politisches Ereignis, das für dich prägend war?
Bei mir war es das Kennenlernendürfen der Architektin, Widerstandskämpferin, Frauenrechtskämpferin und Kommunistin Margarete Schütte Lihotzky, die jetzt, zur rechten Zeit, ihr Küchen Tanten Image abgestreift hat. Sie hat sich von frühester Jugend für das Schicksal der einfachen Menschen interessiert, auch für die Ärmsten leistbare Wohnmöglichkeiten entwickelt, in der Jungen Sowjet Union von der Stadtplanung bis zum Kindergarten geplant und gebaut. Sie hat, um dem stalinistischen Terror zu entgehen ,in der Türkei weitergearbeitet, wurde dort vom Grazer Architekten Aichholzer aktiven Widerstand überzeugt. Sie ist der KPÖ zu einem Zeitpunkt beigetreten, in der die Hitlerarmee noch auf der Siegerstrasse Richtung Moskau unterwegs war.

Sie wurde bei ihrer Kuriertätigkeit verraten, dann verhört ,war in Gefahr, wie Aichholzer ,zum Tode verurteilt zu werden. Durch einen Trick gelang es ihr, nur in KZ verbracht zu werden, wo sie von der US Armee befreit wurde. Voll Tatendrang wollte sie am Aufbau eines Neuen Österreich mitwirken, erhielt aber von der SPÖ, die mittlerweile im kalten Krieg gegen die SU war, mit de Fakto Berufsverbot belegt. Als sie 70 Jahre alt war und mein Professor Schweighofer sie auf der technischen Universität wieder in Erinnerung rief, lernte ich die alte Dame, die ich Jahre vorher in einem KPÖ Keller Parteilokal als bescheidene, nette Genossin kennen gelernt hatte, als international renommierte Architektin kennen.
Im Jahr 2000 ersuchte mich Mirko Messner, das von ihr 1952 gebaute Volkswillehaus in Klagenfurt, das unter dreifachem Denkmalschutz stand, umzubauen. Die damals Hundertjährige hört sich meine Vorschläge an und unterzeichnete damals, zu 99 Prozent erblindet, meinen Plan mit den Worten: „Mach, was die GenossInnen brauchen. Ich bin kein Denkmal.“ Seither weiß ich, dass sie kein Denkmal, sondern ein permanenter Denkanstoß ist. Für mich, für Margareten, für Österreich, Europa und die Welt. Sie war in der Lage, Vertrauen zu schenken. Im Wissen, dass frau (man) es sich nur dadurch erwerben kann.

Was sind deine Schwerpunktthemen und warum?
Wir haben es in der Gesellschaft mit Kreisläufen zu tun. Gesundheit-Arbeit-Wirtschaft-Wohnen-Verkehr-Bildung-,….Die Corona-Krise verschärft alle extremen Ungleichheiten noch einmal. Angesichts einer drohenden Klima Katastrophe, ist klar, dass das gegenwärtige System des Wachstums und brutalen Wettbewerbs in der Ego Gesellschaft weder krisenfest noch zukunftstauglich ist.

Daher kreisen bei mir alle diese Bereiche um einen roten Punkt.
Wie kann Widerstand gegen diesen Irrweg verankert werden? Wie können von diesem Ankerplatz aus neue Strukturen entwickelt werden die den Kampf um eine neue Welt verbessern können? Wie können wir, im kleinen wie im Großen Alternativen erfinden, entwickeln, kooperativ erarbeiten, der zu einer solidarischen Gesellschaft führt. Wie können wir die spontan aus der zivilgesellschft aufpoppenden Hilfs-Initiativen stabilisieren?
Wie können wir, Motto: „Existenz berechtigt“, mit den Ärmsten beginnend, Kooperativen leben, politisch, kulturell, wirtschaftlich, sozial, menschenrechtsbasiert.
LINKS connecting people.

Was sind die Herausforderungen in deinem Grätzl?
Wien ist eine Millionenstadt mit 250 Grätzl. 25 habe ich im Laufe der Zeit kennengelernt.

Margareten als meine politische Heimat, Rudolfsheim-Fünfhaus, das Nibelungenviertel, als mein Wohnbezirk und der Alsergrund als mein 20 jähriger Arbeitsort und künstlerischer Sehnsuchtsplatz (Die Strudlhofstiege) kenne ich genauer. Über die Margaretner Innenpolitik kann ich beim „Grillen“ Auskunft geben, das würde jetzt den schriftlichen Rahmen sprengen.

Welche Herausforderungen siehst du in Wien? Was möchtest du konkret verändern?
Den Wahlrechtsboykott für ein Drittel der hier Lebenden durch eine De Fakto Residenzbürgerschaft-Notfalls-Praxis aushebeln und damit den Weg frei machen zum Wahlrecht für alle. Initiieren eines Konsum 2.0, dessen Kern der „Sozialmarkt für Alle“ (beschlossen in Margareten aber noch nicht realisiert) ist. Die Künstler*innen und Kulturschaffenden für eine Bewegung Neues Wien gewinnen. Ihre Kreativität ist unverzichtbar. (In Margareten sind wir damit auf einem guten Weg.) Den Systemerhalter*innen darf nicht nur applaudiert werden, sondern eine faire Entlohnung muss durchgesetzt werden, die ein vernünftiges, planbares Leben absichern kann.

In welchem Wien möchtest du bei der nächsten Wahl 2025 leben?
In einem Wien, in dem eine strukturell gestärkte Linke in der Lage ist, eine Margarete Schütte Lihotzky Volks Universitär zu betreiben, in der ich Lehrbeauftragter für Commons -Bezirksrätinnen sein kann. Ehrenamtlich.

 

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