nicole gruber

Was motiviert dich politisch aktiv zu sein?
Ich bin in einer typischen Wintertourismusregion in Westösterreich mit meiner Mama und meinen Schwestern in einer kleinen Wohnung aufgewachsen. Als wir klein waren, war meine Mama selbst noch im Tourismus tätig. Wintertourismus bedeutete für mich schon als Kind: Reiche Leute kommen in Luxushotels und fahren Ski an Orten, die wir uns nie leisten können. Neben unserer Siedlung werden bis heute immer mehr Parkplätze und Hotels gebaut um immer mehr reichen Menschen ein Disneyland in den Bergen zu bieten. Vor allem aber bedeutete es: Meine Mama steht um 5 in der Früh auf, muss um 6 ihre Schicht in irgendeinem Hotel oder Apartmenthaus beginnen, davor weckt sie uns noch auf, richtet unsre Sachen für Schule und Kindergarten. Meine Schwester, die in die Volksschule geht, nimmt mich mit in den Kindergarten, weil der erst um 8 aufsperrt. Am Nachmittag sind wir alleine zu Hause, denn so etwas wie Ganztagsbetreuung gibt es nicht. Am Abend ist die Mama wieder da, sie riecht nach Hotelküche, sie ist müde, aber sie macht uns was zu Essen und schaut, dass wir am nächsten Tag wieder sauberes Gewand haben und wir reden viel. Sie muss so müde sein, aber das hab ich nie bemerkt als Kind. Und obwohl sie sich den ganzen Tag abrackert, verdient sie so wenig, dass es selten bis zum Ende des Monats reicht. Später, als wir älter wurden, hat sie uns immer erzählt, wie es war, die Zimmer zu putzen und die Teller zu servieren. Von den sexuellen Übergriffen der Gäste und der Kollegen, den Erniedrigungen der Chefin, den Arbeitsbedingungen, der Bezahlung. Sie hat uns das erzählt, als wär es ganz normal, als wär das nun mal so. Und wenn ich mich jetzt daran erinnere, dann weiß ich, wieso es ihr immer so, so wichtig war, dass wir unsere Hausübungen gleich nach der Schule machen, dass wir immer sauber sind, dass wir in der Schule immer brav sind und dass wir überall dabei sind, bei jedem Schulausflug, auch wenn sie dafür auch am Wochenende noch in einem 2. Gasthaus putzen oder servieren gehen musste. Und jetzt, wo ich, nur dank ihr, studiert habe und verstanden habe, dass wir in Armut aufgewachsen sind, dass es so ungerecht ist, dass meine Mama immer so hart arbeiten musste für so wenig Geld und keine Anerkennung, möchte ich gegen diese Ungerechtigkeiten kämpfen. Dass ich so aufgewachsen bin, wie ich aufgewachsen bin, macht mich so hellhörig für Ungerechtigkeiten. Ich sehe sie überall und es macht mich so wütend, dass so viele, die von solchen Ungerechtigkeiten betroffen sind keine Stimme haben und nicht gehört werden. Dagegen müssen wir uns alle gemeinsam auflehnen. Denn solche Ungerechtigkeiten sind nicht normal, nicht naturgegeben, sondern sie haben System und das müssen wir ändern!

Was ist eine Aktion oder ein politisches Ereignis, das für dich prägend war?

Ganz prägend ist für mich die Arbeit mit Jugendlichen. Während dem Studium schon war ich in der Jugendarbeit tätig. Damals noch in verschiedensten Parks in Wien. Es war für mich unglaublich beeindruckend zu sehen, wie wichtig und wertvoll es für junge Menschen ist, wenn sie gehört werden und ihre Sorgen, Hoffnungen, Wünsche ernst genommen werden. Viele Kinder, die in sogenannten benachteiligten Verhältnissen aufwachsen, werden weder in der Schule noch zu Hause wahrgenommen. Oftmals verschlimmert die Schule das Gefühl der Ausgrenzung noch. Das wichtigste ist für mich, Kindern Selbstbewusstsein mitzugeben und sie in ihrem Lebensweg zu unterstützen.

Ich arbeite inzwischen in der Bildungsabteilung der AK und entwerfe dort unter anderem Workshops zur politischen Bildung junger Menschen. Mir ist es wichtig, vor allem an die Schulen in Wien zu gehen, die einen „schlechten Ruf“ haben und die oft und gerne vergessen werden. Einmal haben wir dort einen Workshop zum politischen Empowerment und zu den politischen Rechten und Interessen der Arbeiter*innen gehalten. Als danach ein paar unglaublich coole Teenager-Jungs das Feedback gaben „Danke, jetzt weiß ich, dass ich auch Rechte habe“, dachte ich mir, cool, alles richtig gemacht.

Alles in allem will ich damit sagen: Politische Ereignisse beginnen für mich im Kleinen, dort, wo sie so viel Unterschied für einzelne Menschen machen.

Was sind deine Schwerpunktthemen und warum?

Ich habe Volkswirtschaft und Sozialpolitik studiert und durch meine Biographie einen ziemlich ausgeprägten Blick für soziale Ungerechtigkeiten. Besonders beschäftigt mich, wahrscheinlich auch biographisch bedingt, die Situation von Frauen und von Kindern. Immer wieder wütend macht mich, wie stark Mitbestimmung, Selbstbewusstsein und das Einsetzen für Rechte und Interessen von den sozialen Verhältnissen abhängen, in denen wir leben. Es ist für mich überhaupt nicht verwunderlich, wieso Menschen mit niedrigem Einkommen, in Jobs mit wenig Ansehen, in schlechten Wohnverhältnissen etc. nicht wählen gehen, auch wenn sie es theoretisch könnten. Wieso sie nicht an sogenannten Partizipationsprozessen wie der Gestaltung des nächsten öffentlichen Spielplatzes teilnehmen. Es braucht nämlich erstens sehr viel Zeit, an solchen Prozessen teilzunehmen. Und zweitens braucht es viel Selbstbewusstsein und das Gefühl, die eigenen Ansichten und Meinungen sind wichtig genug um von anderen überhaupt wahrgenommen zu werden. Ich finde, linke Politik muss den Menschen, die nicht gehört werden, die nicht gelernt haben, sich gewählt auszudrücken, die noch nie das Gefühl hatten, ihre Stimme zählt, zuhören, ihre Interessen nicht nur vertreten sondern sie unterstützen, ihnen Selbstwert geben und ihnen zeigen: „Ja, was du sagst, ist wichtig und ja, es gibt so viele, denen es geht wie dir. Du bist nicht alleine und gemeinsam können wir dafür kämpfen, dass das System und damit auch diese Stadt gerechtet wird.“

Hier geht es für mich vor allem auch um Sozialpolitik: Wer hat welchen Zugang zum eigentlich öffentlichen Gesundheitssystem? Wer wird wie behandelt und wer traut sich überhaupt zum Arzt/ zur Ärztin zu gehen? Welche Kinder kommen in welche Schulen, welche Schulen gelten als „gute Schulen“ und welche als „schlechte Schulen“? Wie kann Schule so gestaltet sein, dass sie für alle Kinder ein guter Ort ist.

Was sind die Herausforderungen in deinem Grätzl?

Ich wohne in einer befristeten Mietwohnung im 4. Bezirk. Der 4. Bezirk hat im Wiener Durchschnitt einen hohen Anteil an Akademiker*innen, das Einkommen ist im Wien-Vergleich ziemlich hoch, es gibt hier viele „gute Schulen“ für die Kinder gut-situierter Menschen. Der 4. Bezirk ist sicherlich ein Beispiel für einen schlecht durchmischten Bezirk. Im angrenzenden 10. Bezirk ist das mittlere Einkommen viel niedriger, sogar die Lebenserwartung ist viel niedriger als im 4. Bezirk. Doch anstatt in einem wohlhabenden Bezirk wie dem 4. Wohnraum für alle zu schaffen, wird ein Großteil des zu vermietenden Wohnraums überhaupt vom Wohnungsmarkt weggenommen und nur noch als AirBnb Wohnungen vermietet. Gerade in einem Bezirk wie dem 4. Bezirk braucht es dringend öffentlichen, leistbaren Wohnraum – denn alle Menschen in Wien sollten hier leben können, nicht nur die einkommensstarken oder vermögenden Gruppen. Anstatt ständig neue Hotels am Hauptbahnhof zu bauen, braucht es neue Gemeindebauten im 4. Bezirk. Die Schulen sollten für alle Kinder da sein, nicht nur für die Akademiker*innenkinder. Der 4. Bezirk braucht Durchmischung, die öffentlichen Plätze wie der Resslpark dürfen nicht zu reinen Festivalplätzen für Tourist*innen verkommen, sie müssen für alle Menschen in Wien da sein. Es graust mich, wenn ich sehe, wie am Karlsplatz Wohnungslose nach und nach vertrieben werden, weil an diesem Tourist*innenort alles schön und sauber und herzeigbar sein muss. Zentrale Plätze wie der Karlsplatz müssen für alle da sein – egal wie das Einkommen, das Aussehen oder die Wohnadresse sind. Dafür müssen wir kämpfen!

Welche Herausforderungen siehst du in Wien? Was möchtest du konkret verändern?

Die größte Herausforderung in Wien ist für mich die, dass wir zwar in einer rot-grün regierten Stadt leben, aber diese Stadt immer weniger für die da ist, die es sich nicht richten können, die keine Wohnung geerbt haben, die keine Akademiker*innen sind, die keine sicheren Jobs haben. Alle Menschen, die nicht dem schönen Werbebild der herzeigbaren Weltstadt Wien entsprechen, werden schrittweise aus der Stadt (zumindest aus den „sichtbaren“ öffentlichen Orten) verdrängt und an den Rand gezwungen. Die Dachgeschosswohnungen werden für die Oberschicht ausgebaut, während jene mit wenig Einkommen im Sommer in völlig überhitzten und im Winter in schlecht isolierten und viel zu kalten Wohnungen sitzen müssen. In einer progressiven Stadt wie Wien sollten alle Menschen Platz haben, sollten alle Menschen Zugang zu Infrastruktur, zu Parks, zu schönen Wohnungen, zu allen Plätzen in der Stadt, zu Schulen, zu Kindergärten haben. Fast 30 % der Wiener*innen dürfen nicht wählen. Vor allem betrifft das Jugendliche, die teilweise schon in der 3. Generation nicht mitbestimmen können. Und selbst unter denen, die wählen können, gehen die mit hohem Einkommen viel öfter zur Wahl – das heißt wenige (Wohlhabende) bestimmen über viele (weniger Wohlhabende). Das müssen wir ändern!

In welchem Wien möchtest du bei der nächsten Wahl 2025 leben?

2025 möchte ich in einem Wien leben, in dem niemand mehr unter der Armutsgrenze leben muss. Ein Wien, in dem niemand gedemütigt und beschämt wird, weil sie*er Mindestsicherung bezieht oder sich die Miete nicht mehr leisten kann. Ein Wien, in dem öffentliche Behörden Menschen, die Sozialleistungen beziehen, nicht als Bittsteller*innen behandeln, sondern sie ermächtigen und ihnen zeigen, dass sie nicht alleine sind und dass ein Jobverlust nicht am individuellen Versagen liegt sondern an strukturellen Problemen in einem System, von dem immer die profitieren, die schon haben. Ich möchte in einem Wien leben, in dem es egal ist, ob jemand im 10. Oder im 19. Bezirk lebt, weil es in beiden Bezirken gute Wohn- und Lebensverhältnisse gibt, weil die Schulen im 10. Bezirk nicht strukturell schlechter sind als die im wohlhabenden 19. Bezirk. Ich möchte in einem Wien leben, das all die Menschen sichtbar macht, die jetzt so unsichtbar sind. Ich möchte in einem Wien leben, das alle Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen miteinbezieht und all denen eine Stimme gibt, deren Stimmen jetzt systematisch unterdrückt werden.

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