katharina Nora bruhn

Was motiviert dich politisch aktiv zu sein?
Für mich hat diese Frage zwei Aspekte:

Zunächst einmal, warum ich politisch aktiv bin; weil ich glaube, dass ich muss. (Ich meine das nicht märtyrerisch. Warum es das nicht ist, beantworte ich im 2.Aspekt)
Das hier ist meine Stadt. Und nachdem ich sie öfters auch für länger verlassen habe, habe ich begriffen, dass ich sie liebe. Ihren Grant, ihren Geruch nach alter Würstelfetten und Bier und Morgen danach, ihre Platanenalleen im Morgengrauen, ihre zweieinhalb tausend Sprachen und jedes neue Graffiti am Donaukanal, ihre donauwalzerpfeifenden Müllarbeiter*innen und den dahingerotzen Anti-Lobspruch auf die Kiwarei.
Aber (noch) ist dieses Wien keine Stadt für alle – sie hängt Menschen systematisch ab. Und das ist nie ein persönliches Versäumnis derer, die nicht ganz so viel von ihrer Schönheit haben. Denn das System ist so aufgebaut, dass es immer Verlierer*innen produzieren muss. Nur dann kann es Profit geben.
Wen es trifft hat viel mit der Lotterie des Geborenwerdens zu tun. Wo, in welchen Verhältnissen.
Das Gute ist: seit matriarchalen, friedlichen und solidarischen Gesellschaftsmodellen vor 1000enden von Jahren, seit Georg Büchner und Karl Marx, spätestens seit Rosa Luxemburg, den Suffragetten und Rosa Parks wissen wir, dass es nicht so sein muss und dass wir etwas ändern können.
Ja, ich würde mich lieber intensiv in meine Ausbildung hineinarbeiten und alles daran setzen eine hervorragende Chirurgin zu werden, Nerven zu rekonstruieren und wissenschaftliche Arbeiten zu publizieren, und an den Wochenenden Fahrradfahren und in die Nächte hineinfeiern.
Aber irgendwann müssen wir damit anfangen aufzuhören Dinge zu akzeptieren, die uns brechen.
Die uns krank machen – und das tut die ungleiche Verteilung von Vermögen, wenn Menschen im reichsten Bezirk 7 Jahre älter werden als jene im ärmsten. Die uns schwach machen – und das tut eine „Demokratie“ in der 30% der Bevölkerung (im wahlfähigen Alter) nicht einmal wählen darf. Die uns klein machen – und das tut eine Politik die uns bittstellerhaft Arbeitslosengeld und leistbaren Wohnraum, Sozialleistungen, für die wir selber aufkommen, beantragen und auf sie warten lässt. Und auch das nur, wenn wir „echte Wiener*innen“ sind. Es sei denn wir können uns von der Wartezeit freikaufen und die Allgemeingüter teuer bezahlen. Oder wir kennen die richtigen Leute – das gilt für Wohnraum, für Arzttermine, Forschungsplätze, Genehmigungen.
Diese Stadt ist aber dabei das Erbe eines „roten Wiens“ an eine irgendwo zwischen kotzpink und orschloch-türkis liegende, verwässerte neoliberale Logik, vermischt mit einer gehörigen Portion Korruption, zu verlieren.
Und wir können es verhindern. Es könnte die Stadt sein, in der wir einen Unterschied machen. Wir könnten noch viel mehr als ein Erbe retten. Wir könnten und müssen viel mehr träumen. Wir können und müssen eine Stadt für alle bauen.
Weil wir wissen, dass Rasensprenkler auf Gehsteigen und Rasen auf Fassaden weder grüne noch Klimapolitik sind, weil wir wissen, dass „von einem Vollzeitjob muss man leben können“ weder rote noch Sozialpolitik ist, weil wir wissen dass Frauenpolitik weder bei Aufklärung über Teilzeit und Sexualität noch beim Ausbau von Frauennotrufen enden kann noch darf.
Aber wir wissen auch, dass dieses Wissen niemand umsetzt, wenn wir es nicht tun. Wir müssen es auf die Straße tragen, aber auch in die Vertretungskörper, wir müssen es bis in die letzten Winkel Transdanubiens umsetzen und aus allen Fenstern des Rathauses schreien.
Nicht weil wir es besser wissen, denn genug andere Menschen in dieser Stadt wissen es auch. Aber weil wir dieses Zeitfenster haben, es uns jetzt trauen zu dürfen – das ist unser Privileg – um es mit EsRAPs Worten zu sagen: wir habe Freunde dabei“. 
Und das bringt mich zum 2. Aspekt: was mich motiviert ist nochmal eine andere Frage: Mich motiviert zu sehen, wie Menschen sich gemeinsam auf den Weg machen um diese Veränderungen herbeizuführen. Mich motivieren die Proteste der Black Lives Matter Bewegung in den USA, hier und weltweit. Fridays for Future, die Proteste in Chile um den Jahreswechsel und zuvor in Ecuador, im Libanon, in Hong Kong.
Mich motivieren Beispiele für Selbstorganisierung und Eigenermächtigung die ich selbst miterlebt habe; wie Unipolitik – wo „unsere Uni“ tatsächlich gilt – und zapatistische und indigene Kollektive in Lateinamerika.
In den letzten Monaten motivieren mich vor allem die Ideen und die Energie meiner mit-Aktivist*innen in LINKS, von Grätzelpost und Infotisch über Gabenzaun bis Linkstalk.

Was ist eine Aktion oder ein politisches Ereignis, das für dich prägend war?
Ein singuläres einschneidendes und zündendes Ereignis hatte ich nicht. 
Vielmehr waren es verschiedene Erlebnisse die mich politisch geprägt haben.
Uni brennt war so etwas. Und die Hausbesetzungen in der Lindengasse 2011. Ich war damals ein Teenager. Die Energie bei diesen Aktionen. Die Schnelligkeit, mit der all diese Strukturen aufgekeimt sind: Workshops, Volxküchen, Konzerte, Plena; die Inklusivität, der Geist, nicht nur etwas machen zu wollen, sondern es auch zu können. Das hat mich tief beeindruckt.
Später, beim Reisen haben mich selbstorganisierte indigene Gemeinschaften in Kolumbien und Mexiko sehr inspiriert – wie sie gegen multinationale Konzerne und Landraub auftreten, wie sie Kinderbetreuung und Bildung für alle Altersgruppen organisieren, wie Menschen all diesen Shit erleben müssen und trotzdem zu Weihnachten bis lange nach Mitternacht Salsa tanzen – auch mit lernunfähigen Ausländer*innen. Und mit dieser selbstverständlichen Willkommenskultur auch ein irgendwie politisches Statement setzten.
Explizit in der Wiener Linken politisiert und verankert hat mich das Projekt Aufbruch, dessen Scheitern die Überzeugung in mir wachgerufen hat, dass wir, die Linke dieser Stadt, es doch besser können muss.

Was sind deine Schwerpunktthemen und warum?
Gesundheit
Ich bin gerade Ärztin geworden und befinde mich nun in der Basisausbildung. 
Das ist schön und unheimlich zugleich. Mein Beruf bedingt einen Fokus auf Gesundheitspolitik.
Wenn ein Schwangerschaftsabbruch immer noch nicht nur keine Kassenleistung, sondern sogar ein Verbrechen ist, wenn die gesamte Medizin Frauen immer noch als die Ausnahme behandelt und beforscht, wenn mein Einkommen bestimmt, ob ich 3 Wochen oder einen Tag auf einen Termin bei der Fachärztin warten muss, wenn es in einer bunten und diversen Stadt wie Wien vom Glück abhängt, ob ich Spital mit meiner Ärztin kommunizieren kann – je nachdem, ob irgendjemand vom heutigen Personal zufällig meine Sprache spricht – und flächendeckende Dolmetsch-Lösungen fehlen, wenn die Rezeptgebühr de Facto eine Besteuerung lebenswichtiger Güter ist, die geringere Einkommen viel stärker trifft als höhere, wenn unversicherte und undokumentierte Menschen sehenden Auges der Zugang zu unserem – ach so gutem Gesundheitssystem – verwehrt wird, dann liegt noch ein weiter Weg vor uns, bis wir uns alle verantwortungsvoll um unsere Gesundheit kümmern können.

Konsum
Eine davon nicht ganz unabhängige Frage ist die nach guter Ernährung, Zugang zu Grünraum und nachhaltigem Konsum. Ich liebe Essen, habe in der Vergangenheit auch immer damit gearbeitet und es tut mir jeden Tag wieder weh zu sehen, wir viele Menschen wie viele Lebensjahre an die sogenannten „Lebensstil Erkrankungen“ verlieren – wir uns als Gesellschaft also buchstäblich zu Tode konsumieren. 

Die Hintergründe hierfür sind komplex und haben mit Bildung, mit Reichtum und Armut, mit Zugang und Ausschluss und auch viel mit Stress zu tun. Es macht mich wütend, dass gute Lebensmittel aus nachhaltiger und verantwortungsvoller Produktion als Bobo-Lifestyle Gadget GEHANDELT werden, statt als Gemeingut begriffen werden auf das alle Recht und Zugriff haben.
Noch dazu wenn Landwirt*innen auf der anderen Seite in allen Teilen des Landes ums wirtschaftliche Überleben kämpfen, Förderungs- und Kreditpolitik sie in Richtung großflächiger und kommerzieller Landwirtschaft drängt und die Supermärkte mit ihrem Machtmonopol auf der anderen Seite die Preise derartig drücken, dass sich dieses Dumping auf die Arbeitskräfte umschlägt. Und unter welchen miserablen Bedingungen Menschen unser Obst und Gemüse ernten, ist uns zuletzt durch Corona wieder deutlich vor Augen geführt werden.

Rassismus und Migration
Nicht unerwähnt lassen möchte ich auch Flucht, Migration und Antirassismus. Ich habe weder Flucht noch rassistische Diskriminierungserfahrungen machen müssen. Mit diesem Privileg ausgestattet sehe ich es nicht als meine Aufgabe, Menschen, die das sehr wohl tun mussten „eine Stimme zu geben“ oder dergleichen, denn diese Menschen haben Stimmen, und sie erheben sie auch.

In einer Stadt, in der Alltagsrassismus sich tagtäglich in Form von Polizeikontrollen, Wohnungspolitik und Jobvergaben niederschlägt – in einem Land, dessen Kanzler sich damit brüstet „die Balkanroute geschlossen“ zu haben und damit für Menschen, die ihr Zuhause verlassen und aus Kriegsgebieten fliehen, diese unmenschliche, traumatisierende und oft auch tödliche Reise noch viel viel schwerer und gefährlicher gemacht hat, der schamlos von „Obergrenzen“ spricht und damit an Zahlen festmacht macht, wie viele Menschen Schutz „verdient haben“ und wieviele nicht – auf einem Kontinent dessen größte politische Union sich gebetsmühlartig auf „ihre Werte“ beruft und gleichzeitig keine Woche vergehen lässt, ohne dass Meschen vor unserer Haustür ertrinken, während sie dabei nicht nur zusieht, sondern (in Form von FRONTEX und nationalen Küstenwachen) Menschen auch buchstäblich ins Wasser zwingt – ist es mir trotzdem wichtig zu sagen, dass das so nicht weitergehen kann. Und das politische Arbeit diese Perspektive immer auch mitdenken muss. Denn ich möchte nicht in einer Stadt, in einem Land, auf einem Kontinent leben, die Menschen aufgrund ihrer Herkunft unterschiedlichen Wert beimessen und damit systematisch Leben zerstören. Auch dafür möchte ich mit LINKS kämpfen.

Was sind die Herausforderungen in deinem Grätzl? Was möchtest du konkret verändern? In welchem Wien möchtest du bei der nächsten Wahl 2025 leben? 
Ich wohne seit 8 Jahren in Ottakring, gleich ums Eck vom Brunnenmarkt und Yppenplatz. Ich liebe diese Gegend und mein Grätzel – die Gerüche und Geräusche. Es ist aber leider auch ein Grätzel in dem man Gentrifizierung live miterleben kann, mit den Neubauprojekten, die schicke und entsprechend bepreiste Immobilien in meiner Nachbarschaft entstehen lassen, ebenso wir Szenelokale und Conceptstores.
Gleichzeitig gibt es auch viele Momente, an denen sich wirklich alle die hier leben, beteiligen: etwa dem Leben in den Parks und auf den Plätzen, dem Schaffen und Nutzen von Gemeinschaftsgärten und Grätzeloasen und dem Feiern von Straßenfesten. 
Rassistisches Profiling durch die Polizei etwas, was ich beinahe täglich mitbekomme und wogegen ich mich immer noch schlichtweg machtlos fühle. Die Verdrängung durch Marktmechanismen und Rassismus durch Institutionen sind also die Bereiche, die ich vor meiner Haustür als größte Herausforderungen erlebe.
Als eine große Herausforderung für Wien sehe ich Wohnungspolitik und Stadtplanung. Aber mit dem Konzept, zu nützen, was wir haben und gleichzeitig versiegelte Flächen – vor allem Parkplätze in Grünraum zu überführen, haben wir mit LINKS hierzu, glaube ich, einige gute Ansätze. Über Gesundheitspolitik, Konsum und Integration habe ich schon einiges gesagt, da möchte ich mich nicht wiederholen – aber auch in diesen Bereichen sehe ich große Herausforderungen.

Konkrete Veränderungen möchte ich etwa mit dem Stadtausweis – der City ID Card – herbeiführen die wir mit LINKS fordern. Sie ermöglicht es allen Menschen, die in Wien leben, sich auszuweisen – völlig unabhängig von Aufenthaltsstatus – und greift damit behördlichen Schikanen vor. Mit ihr möchte ich auch eine medizinische Behandlungsgarantie umsetzten. Denn ich möchte ein Gesundheitssystem das für alle offen steht. Anders werden muss auch, dass die Zwei-Klassen-Medizin derzeit bedeutet, dass Menschen, die es sich leisten können im Gesundheitssystem doppelt Zeit kaufen können – einmal weil die Wartezeiten für Untersuchungen und Termine bei Fachärzt*innen viel kürzer sind, wenn sie nicht über die Kasse kommen, zum Zweiten weil Kassenärzt*innen nach bestimmten Schemata entlohnt werden und diese etwa beinhalten, sich nur 10 Minuten pro Patientin Zeit zu nehmen – alles darüber hinaus wird nicht bezahlt. Viele Menschen können diese Zeit nicht bezahlen.Deshalb möchte ich mehr Kassenstellen in Wien – etwa 500. Ich möchte außerdem die Rahmenbedingungen für eine Medizin schaffen, die Frauen gleich gut behandelt wie Männer – denn davon sind wir nach mehr als einem Jahrhundert Frauenbewegung immer noch meilenweit entfernt. Ich möchte die medizinische Versorgung von Wohnungslosen von städtischer Seite ausgebaut sehen. Langfristig gehört Wohnungslosigkeit in die Vergangenheit. Die Stadt kann und muss das leisten, denn wir alle bauen diese Stadt und halten sie am Leben. Da kann es nicht sein, dass sie manche von uns einfach nicht beherbergt. 
Ich möchte rassistische Polizeikontrollen auf unserem Stadtgebiet monitieren, sanktionieren und schließlich beenden.
Ich möchte den Konsum der Stadt in ihren großen Unternehmen ökologisch, nachhaltig und gesund gestalten, indem sie als Konsumentin Kooperationen mit regionalen Landwirt*innen aufbaut. Gleichzeitig möchte ich Ansätze zu alternativem Konsum wie Food-Coops und Community Supported Agriculture von der Stadt gefördert sehen und für alle zugänglich machen. Damit kann Wien eine Vorreiterin sein und das Marktmonopol der Supermärkte – mit all seinen ausbeuterischen Nebeneffekten – brechen. Ich möchte mehr konsumfreie Räume.
Ich möchte mehr Platz für Radfahrer*innen und für Grünraum und Sport. Ich möchte dass Alleinerzieher*innen mehr Unterstützung entgegengebracht wird und für Wien Modelle, nach denen auch Care- und Reproduktionsarbeit entlohnt wird, die sich dann auf ganz Österreich umsetzen lassen.

Weil ich mich eh schon so viel geäußert habe, habe ich die letzten beiden Fragen zusammengefasst – ich glaube dass ich die Frage danach, in welchem Wien in 2025 leben möchte, schon beantwortet habe: 
In einem solidarischeren, gleicherem, grüneren, bunteren. In einem Wien auf dem Weg zur Stadt für alle. 
In einer Stadt, die Wege findet der kapitalistischen Logik abzuschwören und ein Exempel statuiert. Und damit eine Keimzelle darstellt von der aus ein anderes, besseres Leben wachsen und sich entwickeln kann.

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