can gülcü

Was motiviert dich politisch aktiv zu sein?
Ich möchte in einer Welt leben, in der wir alle freier, gesünder und glücklicher sein können. So einfach ist das. Wie die meisten Menschen habe auch ich eine Vorstellung davon, wie so eine Welt aussehen könnte und davon, wie wir das erreichen können. Und ich weiß, dass es eine Welt ist, die nicht eines Tages von selbst daherkommen wird. Wir alle, die diesen Wunsch miteinander teilen, müssen einander zuhören, voneinander lernen, uns zusammenschließen und auf die eine oder andere Weise gemeinsam darum kämpfen. 

Was ist eine Aktion oder ein politisches Ereignis, das für dich prägend war?
Gilt die Migration als eine Aktion der Eltern? Oder Armut, ökonomische Unsicherheit und Abhängigkeit als politische Ereignisse? Denn diese waren für mich wohl am prägendsten und führten dazu, dass ich politisch aktiv, also selbst zu einem politischen Subjekt wurde. 
Es waren nicht nur Aktionen oder Ereignisse selbst, die diesen politischen Weg formten, sondern vor allem die Begegnungen und Beziehungen zu Menschen, mit denen ich diesen Weg gemeinsam gehen durfte. Die Proteste gegen die Ermordungen von Omofuma und Wague bedeuteten für mich aus der Unsichtbarkeit heraustreten, Rassismus aussprechen, sich mit Menschen austauschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, sich gegenseitig stärken. Die Besetzung des Gezi-Parks lehrte mich, dass einer zumindest temporären Befreiung von unterdrückerischer Herrschaft kein Chaos folgen muss, sondern wie sich tausende Menschen binnen weniger Tage solidarisch, transkulturell und transnational organisieren können. Die Donnerstagsdemos zeigten mir, wie wichtig es ist, nicht immer im Gewohnten zu denken und nicht darauf zu vergessen, dass neben großen Idealen und der Begegnung mit klugen und kämpferischen Menschen auch Spaß und Lebensfreude zu guter Politik gehören?
In diesem Sinne geht die Erfahrung, sich mit anderen zu organisieren und trotz vieler Unterschiede miteinander politisch zu arbeiten, für mich Hand in Hand mit dem Erleben von konkreter Solidarität. Nur so wird es möglich, für sich und füreinander eine Stimme zu erkämpfen und nicht zuletzt auch, die Welt ein Stück weit zu verändern.

Was sind deine Schwerpunktthemen und warum?
Es sind auf der einen Seite Themen, mit denen ich mich beruflich beschäftige: Partizipative Kulturarbeit, Bildung, gewerkschaftliche Interessenvertretung oder politische Organisierung und Kommunikation. 
Es geht ganz grundsätzlich um eine Frage, die auf der Hand liegt: Wie bekommen möglichst viele Menschen Zugang zu gleichen Rechten und zu den Ressourcen, die wir als Gesellschaft alle gemeinsam erarbeiten? 
Auch wenn die genannten Felder auf den ersten Blick weit entfernt erscheinen:
Warum Museen zumeist die Geschichte(n) der Herrschenden erzählen, nur bestimmte Gruppen der Gesellschaft ansprechen und so viel Eintritt kosten; warum Schulen nicht darauf ausgerichtet sind, aus jungen Menschen selbstbestimmte, ermächtigte und eigenständig denkende Personen zu machen, sondern disziplinierte, gehorsame Arbeitskräfte; warum Arbeit so organisiert ist, wie sie ist; auf welche Weise z.B. durch Rassismus oder Sexismus eine scheinbare Hierarchie zwischen Arbeitnehmer*innen geschaffen wird, die miteinander immer schon mehr gemein hatten als mit den Herrschenden; oder warum es so schwer ist, Menschen, die allesamt ausgegrenzt, ausgebeutet und diskriminiert werden, zum gemeinsamen Agieren zu motivieren – all das lässt sich nicht so fein säuberlich trennen. 
Gesellschaftliche, politische und sozioökonomische Machtverhältnisse wirken sowohl auf unser Leben als auch auf die Organisations- und Funktionsweise der Gesellschaft und ihrer Institutionen ein. Und fundamentale systemische Probleme werden nicht durch punktuelle Verbesserungen gelöst, sondern durch ebenso fundamentale systemische Veränderungen, die auf politische Auseinandersetzungen folgen, die man in politischen Auseinandersetzungen erkämpfen muss.
Das bedeutet auch, dass es nicht ausreicht, eine antikapitalistische, antirassistische oder queerfeministische Haltung zu haben, sondern diese Auseinandersetzungen im Kleinen wie Großen zu führen. Als Einzelner und als Teil von Kollektiven konkrete Ideen dafür zu entwickeln, wie wir die Gesellschaft mit all ihren kleinen und großen Einheiten reorganisieren können, diese Ideen beharrlich, – auch gewohntes störend, immer wieder, in jedem Kontext und vor allem in einem solidarischen Miteinander auszuprobieren und umzusetzen, das halte ich für einen wesentlichen Schwerpunkt meiner politischen Arbeit. 

Welche Herausforderungen siehst du in Wien? Was möchtest du konkret verändern?
Die wesentliche Herausforderung für linke Politik in Wien sehe ich in der Machtkonzentration auf allen Ebenen der Politik und Stadtverwaltung. Wir leben in einer – für ein kleines Land wie Österreich – ungewöhnlich großen Stadt mit einer sehr diversen Bevölkerung mit sehr vielen unterschiedlichen Interessen und Bedürfnissen. Divers sind die Wiener*innen nicht nur, was ihre Herkünfte angeht, sondern auch und vor allem in ihrem sozialen wie ökonomischen Status. 
Diese Diversität, die ja auch dynamisch ist und unsere Stadtgesellschaft verändert, ist aber weder in Parteien oder politischen Vertretungen noch in Institutionen – seien es Betriebe der Stadt, Magistrate oder Kultureinrichtungen – annähernd repräsentiert. Diese fehlende Repräsentation ist natürlich weder Ursache des Problems noch sind diesbezügliche, punktuelle Veränderungen dessen Lösung. Sie zeigt nur auf, wie schwer es ist in einem System Grenzen zu überwinden, das darauf ausgelegt ist, dass diese Grenzen bestehen bleiben. 
Da die autoritäre Politik und Verwaltung, dort die Bevölkerung: 
Diese Distanz zwischen Politik und Bewohner*innen gilt es für Linke durch beharrliche, erfinderische politische Arbeit vor Ort und gemeinsam mit Menschen aufzuheben. Unser Kampf gegen Ungleichheit bedeutet also eine Organisierung von unten, die es schafft, die Menschen trotz ihrer Unterschiede zusammenzubringen, um gemeinsam die Mächtigen dieser Stadt herauszufordern. Sich einer Wahl zu stellen, ist nur einer der Schritte dieses Vorhabens, einer, der Ressourcen für viele andere Schritte und Sichtbarkeit für unsere gemeinsamen Anliegen schafft.

In welchem Wien möchtest du bei der nächsten Wahl 2025 leben?
Wien wird 2025 eine Stadt der Menschen, eine Stadt der Vielen sein, indem wir in den kommenden fünf Jahren in Parlamenten wie auf Straßen alles dafür tun, mit konsequenter linker Politik die Machtverhältnisse zu erschüttern und zu verändern. Eine, in der nicht einige wenige hinter geschlossenen Türen über unser Leben entscheiden, sondern eine, die viele – wir – mitgestalten, die von uns allen für uns alle gemacht ist. Eine Stadt, die gut ist für alle ihre Bewohner*innen: Eine Stadt der solidarischen Ökonomie und ebenso der solidarischen Beziehungen. Eine, in der wir nicht nur füreinander da sind und uns gegenseitig unterstützen, wenn wir müde, arm, krank oder bedürftig werden, sondern eine, die das System von Grund auf verändert, welches die Menschen müde, arm, krank oder bedürftig macht. 

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