barbara stefan

Was motiviert dich politisch aktiv zu sein?
Im Grunde bin ich sehr wütend darüber, wie ungerecht diese Welt funktioniert: die einen schuften sich den Arsch ab, oft unter menschenunwürdigen Bedingungen, während die anderen von genau diesem Leid profitieren. Die einen leisten die unsichtbare Arbeit, während die anderen steile Karrieren machen. Die einen werden auf der Straße grundlos kontrolliert, während die anderen polizeilichen Schutz genießen. Gleichzeitig zerstört dieses System unsere ökologischen Lebensgrundlagen. 

Wir haben eigentlich keine andere Wahl: resignieren und zusehen oder dagegen kämpfen. Ich hab mich für Zweiteres entschieden. 

Was ist eine Aktion oder ein politisches Ereignis, das für dich prägend war?
Politisch radikalisiert haben mich persönliche Erfahrungen mit männlicher Gewalt. Motivierend auch politisch aktiv zu werden waren die globalen Protestbewegungen ab Ende 2010. Ich begann kurz darauf, mich bei Attac zu engagieren. Seither sammelte ich viele Organisierungserfahrungen in den unterschiedlichsten Initiativen.

Was sind deine Schwerpunktthemen und warum?
Meine Möglichkeit, mich politisch zu engagieren hängt von der Bereitschaft anderer Menschen ab, sich mit mir die Kinderbetreuung zu teilen. Das heißt ich bin auf die Unterstützung anderer Menschen angewiesen. Ohne die Hilfe anderer Menschen könnte ich nicht für Links kandidieren. 

Mir ist es ein Anliegen das Theme der Pflege- und Fürsorgearbeit stärker ins Bewusstsein der Menschen zu bringen und aus ihrer Unsichtbarkeit herauszuholen – nicht zuletzt deswegen, weil ich als Alleinerzieherin selbst davon betroffen bin. Es ist eine der anstrengendsten Arbeiten überhaupt, weil sie auch sehr viel emotionale Arbeit involviert. Das schlimmste sind die Momente, wenn ich Kopfweh oder Regelschmerzen habe, krank oder schlecht drauf bin und dann trotzdem so gut wie möglich für einen anderen Menschen da sein möchte. Für Menschen, die diese harte Arbeit leisten, ist es keine Selbstverständlichkeit sich politisch zu engagieren, weil weder die Zeit noch die Energie ausreichen, um sich selbst zu vertreten oder gar für das Ende des Kapitalismus einzusetzen.
Aus diesem Grund ist es auch wichtig, sich für gerechte Arbeitsbedingungen einzusetzen für Menschen, die viel dieser Reproduktionsarbeit leisten: Recht auf Pausen, maximale Arbeitszeit, bezahlter Urlaub, gerechte Bezahlung sind eigentlich ein Grundvoraussetzung für alle, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können und sich politisch engagieren zu können. Das sollte eigentlich auch für Menschen gelten, die sich um andere Menschen kümmern.

Was sind die Herausforderungen in deinem Grätzl?
Ich wohne in Alterlaa, das politisch in den letzten Wahlen immer stärker nach recht gerutscht ist. Sichtbar und hörbar ist, dass die Menschen hier vor allem mit Sicherheitsthemen oder der Einhaltung der Hausordnung beschäftigt sind. 

Weniger sichtbar sind aber die Anliegen der Frauen. Am Spielplatz und in der Mutter-Kind-Gruppe, von der ich selbst Teil bin, geht es v.a. um Beziehungskonflikte rund um Themen der Arbeitsteilung, Angst vor dem Alleinerziehen, Erschöpfung, beruflicher Wiedereinstieg, Erziehungsfragen, Probleme mit dem Kindergarten und Schulen. Vor allem Frauen, die keine Familie hier in Wien oder in Österreich haben und dadurch ein wichtiges, entlastendes Auffangnetz wegfällt, sind mit diesen Sorgen ziemlich alleine gelassen. Frauen, die sich hingegen Haushaltshilfen, Pflegekräfte, Babysitter*innen leisten können, die meist migrantisch sind, können das Problem auslagern. Das ist ungerecht und erhält ein System der rassistischen Arbeitsteilung aufrecht. Das ist keine Grätzl-spezifische Sorge, sondern ein generelles Problem, aber eben eines, das politisch in der Regel, keine Aufmerksamkeit bekommt, weil es in den privaten Raum verschoben wird, obwohl es doch einen so großen Teil der Bevölkerung betrifft.

Welche Herausforderungen siehst du in Wien? Was möchtest du konkret verändern?
Generell wünsche ich mir eine Gesellschaft, welche die menschliche Reproduktion von Leben und das Wohlbefinden jedes Einzelnen ins Zentrum stellt und nicht Wirtschaftswachstum und Profitgier. Eine Welt ohne Kapitalismus, Rassismus und Patriarchat.

Dies kann zum Beispiel über das Konzept der solidarischen Städte weitergebracht werden, antirassistische Initiativen oder über die Förderung einer gewerkschaftlichen Organisierung von bezahlt und unbezahlt arbeitenden Menschen im Reproduktionsbereich.

In welchem Wien möchtest du bei der nächsten Wahl 2025 leben?
Ich wünsche mir ein politisiertes Wien mit starken sozialen Bewegungen und vielen autonomen, selbstorganisierten Initiativen, mit starken Interessensvertretungen und kämpferischen Gewerkschaften, in denen rassistische und sexistische Parolen einfach keinen Platz mehr haben und in denen die Anliegen von schwarzen Menschen, von muslimischen Menschen, von Menschen mit Rassismus- und Migrationserfahrung, von FLINT+  die gleiche Sichtbarkeit haben wie wirtschaftspolitische Forderungen bzw. von Anfang an zusammengedacht werden.

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