anna svec

Was motiviert dich politisch aktiv zu sein?  
Oh gute Frage! Eine Sache die mich politisch motiviert, ist Leute zu mögen. Ich mein das ganz unkitschig: ich finde, dass viele Menschen mehr Mitsprache, mehr Beteiligung und mehr Platz in dieser Gesellschaft verdienen würden. Dass sie viel zu sagen und viel beizutragen hätten, es aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht können. Nicht, weil sie sich nicht genug anstrengen, wie ihnen das gerade Menschen mit den besten Voraussetzungen und der größten Geldbörse so gern erzählen. Sondern weil sie im falschen Land geboren sind oder nicht aus wohlhabenden Verhältnissen stammen. Weil sie an dem Ort, an dem sie leben, nicht wählen können, weil sie viel zu viele Stunden in der Woche anstrengende Arbeit machen und trotzdem dauernd Sorgen haben müssen, ob es am Ende des Monats reicht. Weil sie mit zu wenig Unterstützung allein erziehen oder sich im Alltag mit Diskriminierung herumschlagen müssen, weil sie Angst haben, ihren Job zu verlieren oder die befristete Wohnung nicht verlängert wird und sie irgendwie die nächste Provision aufstellen müssen oder oder oder.
Ich höre in meiner Arbeit jeden Tag ziemlich viele Alltagssorgen. Diese Sorgen haben uns fest im Griff und das ist ja auch ganz klar. Sie sind echt und sie sind bedrohlich. Dass es so viele dieser Sorgen gibt, das liegt an einer Gesellschaft in der alles – wirklich alles – Geld, Einfluss, Sicherheit, Gesundheit, Bildung, ja sogar durschnittliche Lebenserwartung – unfassbar ungerecht verteilt ist.
Viele Entscheidungen in diesem System werden weder von noch für die Menschen getroffen, die in ihr leben und die die meiste – bezahlte oder unbezahlte – Arbeit machen, sondern von und für die Reichen und ihre Interessen.
Das führt zu richtig schlechten Entscheidungen und schlechten Lebensumständen für die meisten von uns. Ich will eine Gesellschaft und eine Stadt, in der das alles ganz anders ist. Und die wir gemeinsam ändern. Das motiviert mich für Politik!

Was ist eine Aktion oder ein politisches Ereignis, das für dich prägend war?
Stark empfind ich immer die Momente, in denen Leute sich zusammentun und klar wird, wieviel sie gemeinsam erreichen und ändern könnten.
Die Black lives matter Demo Anfang Juni hat mich beeindruckt und motiviert.
Nicht nur, weil so viele Menschen auf der Straße waren, sondern auch, weil ich die Stimmung so kämpferisch und stark empfunden hab und die Möglichkeit zur Veränderung richtig spürbar da war.
Die meist viel kleineren – aber nicht weniger kämpferischen – Proteste der Beschäftigten der Sozialwirtschaft Österreich in den letzten Jahren hab ich als nicht weniger wichtig erlebt. Vielleicht auch, weil meine Mutter eine dieser Beschäftigten ist und ich mich oft genug über die viel zu niedrige Bewertung (egal ob in Lohn oder Anerkennung) dieser Arbeit ärgere. Klarerweise waren auch die Donnerstagsdemos und die Arbeit im Aufbruch für mich prägend, beides hatte für mich auf seine Art ganz viel Aufbruchstimmung. Außerdem wichtig war für mich meine Zeit im Callcenter. Dort waren jede Menge älterer Menschen beschäftigt, die sich mit sinnlosen (und viel zu langen) Firmenumfragen ihre Pension aufbessern mussten, weil die eigene nicht zum Leben ausreichte. Elend war das!
Nicht zuletzt: die Gründungsversammlung der Organisation LINKS und die Arbeit der letzten Monate: klar, das hat mich politisch und persönlich ziemlich vom Hocker gerissen. Ein paar hundert Menschen, die in und an einer politischen Organisation arbeiten, weil sie finden, dass linke Politik viel viel lauter sein muss als bisher. Das ist natürlich riesengroß für mich.

Was sind deine Schwerpunktthemen und warum?
Besonders wütend machen mich die Arbeitsverhältnisse von Menschen in dieser Gesellschaft. Nicht arbeiten dürfen, viel zu lang arbeiten müssen, den falschen Namen haben und es deshalb drei mal so schwer haben wie andere. Neben der Arbeit total überlastet Kinder großziehen oder die Eltern pflegen müssen, kuschen müssen, um den Job nicht zu verlieren, viel zu wenig bezahlt zu bekommen, Arbeitnehmer*in genannt werden obwohl man doch gerade Arbeit gibt, arbeitslos genannt zu werden, wenn man gerade keine Erwerbsarbeit hat, Demütigung aushalten und trotzdem jede Früh die U-Bahn zur Arbeit nehmen. Immer müde sein und sich auf ein paar Wochen Urlaub freuen, wenn man welchen hat. Prekär arbeiten und sich vor jedem Mal krank sein fürchten, weil dann kein Geld hereinkommt. Mit seiner Familie in der kleinen Wohnung bleiben, weil es für mehr nicht reicht.
Diese Welt ist so hart für so viele, das kann so nicht bleiben. Kämpfe gegen soziale Ungleichheit empfind ich deshalb wohl als mein Schwerpunktthema.


Was sind die Herausforderungen in deinem Grätzl?
Ich wohne im 15. Bezirk nahe der äußeren Mariahilferstraße. 1150 ist der ärmste Bezirk Österreichs, das spürt man natürlich. In meinem Haus wohnen einige Familien mit mehreren Kindern auf engstem Raum. Es bräuchte – wie vielerorts in Wien – viel mehr, viel günstigeren Wohnraum statt immer neuen Luxusappartments, wie sie auch im 15. aus dem Boden (oder vielmehr: aus den Dächern) sprießen. Sorgen mache ich mir vor allem um die beginnende Aufwertung meines Grätzls, die in der Reindorfgasse ganz deutlich ihren Anfang nimmt und durch die Ikea-Baupläne am Westbahnhof wohl nicht besser wird. Den Bezirk verschönern – das ist nicht grundsätzlich falsch! Aber es ist grundfalsch, Menschen ohne Geld aus den Bezirken zu drängen, Menschen nicht mitsprechen zu lassen und alles den (noch) höheren Mieteinnahmen für Immobilienfirmen zu unterwerfen. Grätzln gehören denen, die in ihnen leben. DIe Herausforderung in meinem wird mit Sicherheit sein, gegen die Verdrängung seiner Bewohner*innen zu bekämpfen.

Welche Herausforderungen siehst du in Wien? Was möchtest du konkret verändern?
In Wien stehen wir vor vielen Herausforderungen. Klar ist, dass es immer noch einiges gibt, das das rote Wien uns hinterlassen hat und das gerechter und besser ist als in anderen Großstädten. Darüber bin ich froh. Klar ist aber auch, dass jene, die diese Kämpfe geführt haben, sich von uns keine Dankbarkeit wünschen würden. Sie würden sich wünschen dass wir weiterkämpfen – und zum Weiterkämpfen gibt es mehr als genug! Mehr als ¼ aller Wiener*innen ist aus Staatsbürgerschaftsgründen vom Wahlrecht ausgeschlossen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt im reichen Döbling um rund 8 Jahre über der von Menschen in Arbeiter*innen-Bezirken wie Favoriten oder Ottakring. Das durchschnittliche Einkommen von Innenstädtern und Innenstädterinnen ist doppelt so hoch wie das der RudolfsheimerInnen. Bildungschancen hängen vom sozialen Status der Eltern, Gesundheit vom Einkommen ab. Auf Wiener Straßen müssen Leute sich wie überall sonst wegen ihres Aussehens vor übermäßigen Polizeikontrollen fürchten, die Mieten in Wien steigen ständig und es gibt viele, die sich nach der Corona-Krise das Leben nur noch schwer leisten können. Das Leben ist für viele Menschen in Wien wirklich kein Schlaraffenland und wird es in der Zukunft immer weniger sein. Es braucht dringend eine linke Opposition, die das ausspricht, die sich nicht anbiedert und keinen rechten Kurs fährt, weil irgendwelche Umfragen das so wollen. Eine linke Opposition die wirklich und beharrlich mit den unterschiedlichen Menschen kämpft, die nicht auf die Butterseite gefallen sind und sich davon nie abbringen lässt.

In welchem Wien möchtest du bei der nächsten Wahl 2025 leben?
Ich will 2025 in einem Wien ohne befristete Wohnungen und ohne Delogierungen leben. In einem Wien, in dem wir alle weniger arbeiten müssen und dafür keiner um seinen Job fürchtet, weil wir hartnäckig für Arbeitszeitverkürzung kämpfen. Ein Wien ohne Langzeitarbeitslose, ein Wien, das viel mehr Geld in seine öffentlichen Schulen und Krankenhäuser steckt, das Wohnraum umverteilt hat, in dem alle Menschen wählen und mitsprechen können. Ein Wien in dem Armut bekämpft wird und nicht Arme. In dem Luxuswohnungen und leerstehende Büros ein seltsamer und seltener Anblick sind. Oder mindestens: Eine Stadt in der eine laute und mutige linke Opposition bestehend aus vielen unterschiedlichen Menschen gemeinsam für all das eintritt und weiß, dass wir noch lang nicht am Ziel sind, aber ermutigt, gemeinsam weiter zu kämpfen.

 

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